

Herbst Winter 2025
Zuhören statt blöd reden
Wenn Sie die Schlagwörter „Sicherheit“ und „Baufirma“ zusammen in eine Suchmaschine eingeben, erhalten Sie Werbung für Baustelleneinrichtungen und Arbeitskleidung, Tipps für den Umgang mit Maschinen, Werkzeugen und Materialien, Unfallstatistiken und ganz sicher auch einen Link zur AUVA. Was Sie nicht erhalten, jedenfalls nicht unter den ersten Treffern, ist eine Auskunft über „psychologische Sicherheit“. Bei RIEDERBAU hat man auch dieses Thema im Blick.
„Psychological Safety“ ist ein Konzept, das die US-amerikanische Forscherin Amy Edmondson im Rahmen ihrer Studien über Teamarbeit entwickelt hat. Die Forscherin wollte herausfinden, was Arbeitsgruppen erfolgreich macht und ist dabei auf einen entscheidenden Faktor gestoßen: Psychologische Sicherheit. Mit diesem Fachbegriff wird „eine Arbeitsatmosphäre bezeichnet, in der sich Menschen ausdrücken und sie selbst sein können.“ (Edmondson 2020, XVII). Konkret heißt das: Kolleg*innen fühlen sich frei, Bedenken zu äußern, Vorschläge zu machen und Fehler zuzugeben. Sie fürchten nicht, bloßgestellt oder niedergemacht zu werden.

"Einfach nur zuhören, eröffnet einen Raum der Ruhe."
Ben Schuster,
Psychologe
„Das bedeutet aber nicht, dass nichts mehr kritisiert wird“, erläutert die klinische Psychologin Robin Menges. Sie und ihr Kollege Ben Schuster haben sich unter anderem auf die Förderung von Beziehungsqualität in Teams und Organisationen spezialisiert. Bei RIEDERBAU informieren sie interessierte Mitarbeiter*innen zu diesem Thema. „Warum es klug ist, Fehler einfach zuzugeben“ war der Titel eines Vortrags mit anschließendem Austausch in der Baustube, also dort, wo sich viele Mitarbeiter*innen auch sonst zum Rasten und Reden aufhalten. „Fehler zugeben ist ein Zeichen der Stärke“, erklärt Ben Schuster. „Probleme lassen sich dann schneller beheben und alle können aus den Fehlern lernen.“ Damit sich Mitarbeiter*innen in einem Team oder einem Unternehmen aber trauen, Fehler einzugestehen, müssen sie sich psychologisch sicher fühlen. „Leider ist bei uns in Tirol das blöde G’red ziemlich normal“, bedauert Menges. „Gerade am Bau ist derTon oftrau. Darunter leiden besonders dieFrauen, aber auch die Kundschaft schätzt einen ruppigen Umgang nicht.“

"Feedback im Team ist erwünscht. Aber es geht um gemeinsame Reflexion und nicht um Belehrung."
Robin Menges,
Psychologin
„Warum Verarschen Sinn macht“ war der Titel eines zweiten Vortrags des Psychologen-Teams bei RIEDERBAU. Blödeln und Verspotten sind Möglichkeiten, Aggressionen abzubauen. So gesehen macht eine derbe Kommunikation Sinn. Aber für die aufgezogene oder hereingelegte Person ist das meist gar nicht lustig. Und: Sie wird sich zurücknehmen und nicht mehr ihr ganzes Wissen und Können ins Team einbringen. Abwertende und einschüchternde Kommunikation führt so schließlich zu geringerer Leistung in ganz anderen Bereichen. Es braucht daher bessere Wege, Konflikte zu lösen. „Sicherheit heißt nicht, dass es keine Konflikte mehr gibt“, erklärt Robin Menges. „Im Gegenteil: Konflikte werden in einem sicheren Umfeld sogar leichter ausgetragen, weil es nicht nötig ist, sie zuzudecken, wegzublödeln oder aufzuschieben.“ Bei ihren Workshops und in der Teambegleitung geben Menges und Schuster keine einfachen Faustregeln für das Gesprächsverhalten. Es geht ihnen darum, dass die Teilnehmer*innen Sicherheit erfahren und aus dieser Erfahrung heraus im Arbeitsalltag genau diese Sicherheit herstellen wollen. Dafür leiten sie zum Beispiel zum Zuhören an. „Wenn einem wirklich zugehört wird, kann man sich auch anders ausdrücken. Man muss nicht gleich in einen Modus der Rechtfertigung kommen“, beschreibt Schuster. Umgekehrt muss die Person, die zuhört, nicht schon parallel ans Antworten denken. „Einfach nur zuhören, eröffnet einen Raum der Ruhe. Wir alle reagieren emotional viel schneller als rational. Mehr Ruhe führt dazu, dass wir im Gespräch sachlicher bleiben können.“ Wer das in einer Zuhörübung erlebt hat, möchte das auch danach so haben.
PSYCHOLOGISCHE SICHERHEIT BEI RIEDERBAU
„Uns ist bewusst, dass in Teams nicht immer alles rundläuft“, erläutert Verena Rieder, zuständig für die strategische Personalentwicklung. „Daher haben wir Robin Menge und Ben Schuster nicht nur für After-Work-Talks eingeladen, sondern eröffnen unseren Arbeitsgruppen im Unternehmen auch die Möglichkeit, die beiden für Teambegleitungen anzufordern.“ Die Ursachen für Konflikte oder Unsicherheit im Team können ganz unterschiedlich sein. Wenn gewünscht, arbeitet das Expertenduo daher individuell angepasst über längere Zeit mit einzelnen RIEDERBAU-Arbeitsgruppen. „Wir möchten unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Arbeitsumfeld bieten, in dem sie sich frei und respektiert wissen. Das Konzept der psychologischen Sicherheit eröffnet neue Wege im Umgang miteinander und mit Konflikten.“

"Am Bau ist man gerne direkt. Das ist gut. Aber die Schärfe muss raus."
Robin Menges,
Psychologin
PSYCHOLOGISCHE SICHERHEIT MEINT...
- die Sicherheit im Gespräch und im gemeinsamen Tun, nicht die psychische Verfassung der einzelnen Person. Es geht also um eine gute Kultur des Miteinanders.
- eine Arbeitsatmosphäre, bei der sich alle sicher genug fühlen, um Fragen zu stellen, Bedenken zu äußern und Fehler zuzugeben.
- Wertschätzung für alle, unabhängig von ihrer hierarchischen Stellung im Team. Auch wenn nicht alle gleichberechtigt sind – so haben etwa Führungskräfte andere Entscheidungen zu treffen als beispielsweise Hilfskräfte –, sind alle im Team gleichwürdig.