

Frühjahr Sommer 2026
Der Digitale Zwilling
„Die Vitrine im Eck ist aber nicht Teil des Angebots, oder?“ Das könnte eine Kundschaft fragen, die sich virtuell durch ihr zukünftiges Haus bewegt. Denn der digitale Gebäudezwilling kann alles zeigen: vom Eisen im Beton bis zum Fenster in der Fassade, vom Abwasserrohr bis zum Glasschrank.
Nun, die Innenausstattung bei RIEDERBAU könnte sicher ein passendes Möbelstück empfehlen! Aber im digitalen Zwilling dient dieses Element nur der Anschaulichkeit und steht nicht zum Kauf. Mittels Building Information Modeling (BIM) entsteht bei RIEDERBAU für jedes Gebäude eine dreidimensionale, digitale Kopie. „Entscheidend ist das I in BIM“, erklärt Johann Fuchs, zuständig für die Technik hinter dem komplexen Modell. Denn auch wenn etwas so Lebendiges wie Topfpflanzen und Haustiere angezeigt werden könne, befände sich im Hintergrund nur eine Unmenge an Daten. Diese müssten sorgfältig gepflegt werden, damit das Programm seinen vollen Nutzen entfalten könne. Und dieser Nutzen ist breit: „Der digitale Zwilling dient allen, von der Bauherrschaft über die Behörden bis hin zum Facility Management“, erläutert Richard Thrainer, Prokurist und Bereichsleiter für integrale Planung bei RIEDERBAU. „Am meisten aber nützt BIM uns selbst. Denn die integrale Planung führt zu mehr Übersicht, besserer Abstimmung und genauerer Kalkulation.“

"Man muss das Programm verstehen lernen und das verlangt allen viel ab. Aber es macht auch Spaß. "
Johann Fuchs
Bauingenieur bei RIEDERBAU
DER BLICK DARUNTER
Mit Röntgen oder CT die verschiedenen Strukturen des Körpers getrennt ansehen zu können, hat große Fortschritte in der Medizin gebracht. So wie im Körper das Skelett für die Stütze, die Muskeln für die Bewegung und die Nerven für die Steuerung zuständig sind, gibt es auch im Gebäude verschiedene Systeme mit je eigenen Funktionen. Und auch hier ist ein Blick unter die Hülle ausgesprochen nützlich!
Bei BIM-basierten Bauwerken darf man sich die Röntgenstrahlen getrost sparen, denn nach dem Motto „Build digitally first“ ist das Modell schon da, bevor das Gebäude realisiert wird. „Architektur, Tragwerk, Lüftung, Elektrik, Abwasser, Sanitär – alle Gewerke arbeiten bei uns im selben Modell. Dadurch entsteht vorab eine vollständige digitale Kopie zum fertigen Gebäude“, erläutert Johann Fuchs. Die Arbeit im geschlossenen System erfordert viel Disziplin von allen, denn die Daten, aus denen sich dann Pläne und Visualisierungen erstellen lassen, müssen genau und widerspruchsfrei sein. Es fördert aber auch das Verständnis für die anderen Gewerke und damit die Verantwortung für ein gemeinsames Ziel.
EINS NACH DEM ANDEREN
Das Modell wird im Planungs- und Bauprozess schrittweise erweitert und verfeinert. Zunächst werden das Gelände und Basisinformationen wie Bebauungsvorgaben der Gemeinden, Grundgrenzen, Wege, Ausrichtungen digital erfasst. Dies ist der Rahmen für die Architektur. Die Entwurfsplanung wird mit der Tragwerksplanung verzahnt, beides wiederum mit der Fachplanung für die Haustechnik. Für die Anschaulichkeit können optische Effekte ergänzt werden. Im Bauprozess werden Daten für die Ausführung ausgelesen: Bestelllisten für Materialien, Montagepläne usw. Schließlich kann der digitale Gebäudezwilling auch Jahre nach Bauabwicklung Informationen über das technische Innenleben eines Gebäudes geben. Das erleichtert zukünftig die Wartung und mögliche Umbauten oder Sanierungen. Was das Kontrastmittel beim Röntgen ist, sind hier die Datenfilter. Sie erlauben es den einzelnen Nutzerinnen und Nutzern, sich jeweils genau jene Strukturen anzeigen zu lassen, die sie für ihre Arbeit gerade brauchen. Richard Thrainer erklärt: „Für die zukünftigen Bewohner:innen einer Immobilie ist die Vitrine im Eck vielleicht wichtig, damit sie sich einen Raum gut vorstellen können, aber die Fachplaner:innen für die Lüftungstechnik werden sich die Möbel und Pflanzen rausfiltern.“

"Wir arbeiten seit 2011 mit BIM. Dank dieser Erfahrung können wir alle Vorteile der integralen Planung nutzen."
Richard Thrainer
Prokurist, Teamleitung Integrale Planung
DIGITALER NACHBAU
Während bei RIEDERBAU-Projekten der digitale Zwilling im Prozess wächst, kann für Bestandsgebäude ein solcher nachgebaut werden. Das Innsbrucker Unternehmen miviso, an dem RIEDERBAU beteiligt ist, erstellt BIM-Modelle auf der Basis von Punktwolkendaten. Dafür wird der Bestand mit Lasern gescannt. Diese Nachbauten sind eine relevante Grundlage für Umbauten oder das Facility Management.
WOHIN DIE REISE GEHT
„Wir denken, dass der digitale Zwilling irgendwann auch für die baubehördliche Abwicklung eingesetzt wird“, setzt Richard Thrainer auf weitere Digitalisierungsschritte. Ein Beispiel: Zur Überprüfung von vorgegebenen Durchgangsbreiten müsste man nicht alle Gänge und Türen in den Plänen einzeln nachmessen. „Man könnte eine digitale Kugel mit dem entsprechenden Durchmesser durch das Gebäudemodell rollen lassen. Bleibt die Kugel stecken, ist dort zu eng geplant und die Behörde fordert berechtige Änderungen“, so Thrainer. Die Arbeit im digitalen Modell könnte Bewilligungs- und Prüfverfahren beschleunigen. Johann Fuchs rechnet damit, dass der digitale Zwilling bald auch ansprechbar sein wird: „Dann sag‘ ich nur noch ‚Bimsi, zeig mir die Bewehrung im Deckengeschoss‘ und spare mir die Eingabe von mehreren Filtern.“ Und die Bauherrschaft im virtuellen Durchgang kann sich wünschen: „Stell doch bitte Weingläser in die Vitrine, damit ich mir das vorstellen kann!“
mivisio erstellt BIM-Modelle von Bestandsgebäuden.